Zorbau - Ortschaft im Burgenlandkreis

 Mit Zorbau verbinden mich (Jahrgang 1938) Erinnerungen aus den Jahren 1944-1945. Ich bin dort eingeschult worden und habe das Kriegsende dort erlebt. Meine Mutter und meine beiden jüngeren Geschwister waren damals aus Halle „evakuiert“. Mein Vater war beim Militär. Auf diese Weise sollte die Zivilbevölkerung von den immer heftiger werdenden Bombenangriffen auf die deutschen Städte in Sicherheit gebracht werden. Wir wohnten auf dem Hof meiner Großtante Lucie Gaudigs und ihres Mannes Karl. Tante Lucie habe ich nur in schwarzer Trauerkleidung erlebt. Ihr einziger Sohn Hans war im Polenfeldzug in den ersten Tagen des Weltkrieges gefallen. Lucie Gaudigs war die Schwester meiner Großmutter, beide geborene Mahler. Die Mahlers waren eine alteingesessene Zorbauer Familie. Deren Vorfahren tauchen im Ahnenpass meiner Mutter als „Rentier und Amtsvorstehen“, als „adjungierter Richter“, oder „Erbrichter, Brauherr und Schankgutsbesitzer“ auf, und lassen sich in Zorbau mindestens bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts zurückverfolgen. 

Auf dem Gaudigsschen Hof  wohnten wir zunächst im sog. „Neuen Haus“, das heute als letztes erhaltenes Gebäude des Hofes der Familie Neuhaus gehört, als dann zum Ende des Krieges die Amerikaner Zorbau besetzten und einquartiert wurden, mussten wir umziehen in das benachbarte „Alte Haus“. 

Daran, dass zu dieser Zeit der schlimmste Krieg der Weltgeschichte tobte, mahnte uns Kinder sehr wenig. Eigentlich nur der immer häufiger werdende Fliegeralarm, und die Tatsache, dass, schon bevor der Fliegeralarm kam, die Schornsteine von Leuna nicht mehr zu sehen waren. Das Werk wurde eingenebelt, um es aus der Luft unsichtbar zu machen. Bei Fliegeralarm mussten wir uns unverzüglich in ein Gewölbe neben dem Hoftor begeben. Gelegentlich fanden wir beim Verlassen unseres  „Luftschutzkellers“ eklig scharfkantige Bombensplitter, die an irgendwelchen Sam­melstellen für Altmetall abgegeben wurden.

Einmal schlug mit großem Krach eine Bombe außerhalb des Dorfes Richtung Gerstewitz ein. Wir Kinder staunten über den Krater, und einmal kam es zu einer Notlandung eines engli­schen Piloten, der sofort von wütenden Dorfbewohnern eine blutige Nase verpasst bekam, während sich einige Frauen dafür einsetzten, ihn nicht weiter zu misshandeln: „Wenn das unseren Jungen in England passieren würde!“

Gelegentlich passierten merkwürdige Dinge: Ich bekam einmal eine Ohrfeige, weil ich gesagt hatte, die Butter sei heute so weiß. Onkel Karl hatte offensichtlich nicht alle Milch an die Molkerei weitergegeben, sondern privat gebuttert, ohne das damals übliche Buttergelb. Auf so etwas standen brutale Strafen, und über so etwas sprach man tunlich nicht. Wenn bestimmte Leute zu Besuch kamen, durften wir denen nur „Guten Tag“ sagen (vielleicht auch „Heil Hitler“, daran erinnere ich mich nicht mehr), wohl aus Angst, dass wir einmal etwas Falsches sagen könnten. Das waren aber eigentlich schon alle meine „Kriegserlebnisse“.

Ansonsten verlebten mein um zwei Jahre jüngerer Bruder und ich eine unbeschwerte, idylli­sche Zeit in Zorbau. Wir spielten in den großen Gärten hinter dem Hof. Es gab da einen schie­fen Apfelbaum, auf dem wir mit wachsendem Mut immer höher kletterten, zum Entsetzen unserer Mutter, die mit in die Hofarbeit eingespannt war, und nur selten kam, um uns zu beaufsichtigen. Das Gut wurde von einer Lehmmauer begrenzt, über die wir an einigen Stellen hinwegspähen konnten und einen Blick auf die Straße nach Selau hatten, auf der es allerdings wenig zu sehen gab. Jeder Hof hatte ja seine Pferde, Autos waren selten zu sehen. Die Verbindung nach Weißenfels wurde von Bussen aufrechterhalten, die heute jedes Oldtimer-Museum zieren würden: einer war rot und einer war schwarz. Neben der Bustür gab es einen Briefkasten für unsere Briefe. Die Haltestelle war bei der „Friedenseiche“. 

An besagter Lehmmauer war Brennholz gestapelt, das wir als Bauklötzer zweckentfremdeten. An der Mauer hatte sich aber auch abgebröselter Lehm und lockerer Mörtel angesammelt, mit dem man eigentlich schön hatte spielen können, aber meist war dieses Material zu trocken, um etwas Vernünftiges draus bauen zu können. Mein jüngerer Bruder hatte da eine glänzende Idee. Wenn man in den Sand hineinpinkelte, gab es einen herrlichen Baggermatsch, aus dem man alles das machen konnte, was man so aus nassem Sand bauen kann.

Das Hof war ein klassischer mitteldeutscher Bauernhof, mit einem beeindruckenden Misthaufen in der Mitte, auf dem tatsächlich der Hahn krähte. Ob er stank, weiß ich nicht mehr, jedenfalls fanden wir uns nicht durch Geruch belästigt. Auf dem Hof gab es einen Kettenhund, der nur dem Hofbesitzer gehorchte, und von dem wir uns alle fernzuhalten hatten. Ebenso gab es Puten samt Puter, die uns Kindern große Angst machten, und die sich auch gelegentlich sehr aggressiv benahmen. Einmal bekam sogar Onkel Karl einen gehörigen Schreck, als es sich der Puter auf dem Kinderwagen, in dem meine ein paar Monate alte Schwester schlief, bequem machte. Nach meiner Erinnerung befand sich gleich neben dem Tor der Eingang zu einem Kellergewölbe, das als Luftschutzraum verwendet wurde. Davor befand sich die einzige Wasserquelle des Hofes, eine für uns Kinder damals große Pumpe mit einem mächtigen Holzschwengel. Daneben war eine Pforte, die in den Kräuter- und Gemüsegar­ten führte, an den sich die Kirchhofsmauer anschloss. An der Südseite des Hofes lagen Stal­lungen, vor allem zwei Kuhställe. Mein Bruder und ich liebten die wohlige Wärme, die die friedlich wiederkäuenden Rinder umgab, im Gegensatz zu mir liebte es mein Bruder auch, sich den frischen Kuhdung durch die Zehen quellen zu lassen. Für die Kühe verantwortlich war ein „Schweizer“, der aber nicht aus der Schweiz stammte. Er wohnte über den Kuhställen. Ein besonderer Stall war für die Kälber eingerichtet, wo wir unsere Finger in die zahnlosen Mäuler stecken und den Kälbern die Illusion von Milchquelle gaben. An der Westseite waren zwei oder drei Scheunen. Unter dem Böden für Getreide waren die Abstellflächen für die Wagen und Kutschen. Bei der Nordostecke konnte man durch einen Durchgang, in dem Brenn­holz la­gerte, in die Gärten gelangen. Beim Brennholz stand auch der Hackeklotz, auf dem Onkel Karl gelegentlich Hühner köpfte, die dann noch eine Zeitlang durch die Gegend flatterten, ein gruselig-faszinierender Anblick, den wir uns gerne gönnten. An der Nordseite waren wieder Ställe, an die Schweine kann ich mich gut erinnern, ich glaube es gab dort auch die Hühnerställe, von denen allerdings auch einige in den Gärten standen. In der Nordostecke war wieder eine Scheune, und auch wohl ein Pferdestall, neben diesem wieder ein Durchgang, der in einen meist mat­schigen Gänsegarten führte. Wir hatten von den Gänsen auf dem Anger immer gehörigen Re­spekt, besonders vor den Gantern, die mit wütendem Zischen auf uns zukamen, wenn wir ihnen zu nahe kamen. An der Ostfront war, glaube ich noch ein Pferdestall, daran schloss sich das „Alte Haus“ an, mit Küche und Waschküche im Parterre und Wohnräumen im Oberge­schoss. Ein Durchgang führte ins „Neue Haus“, mit deutlich größeren Zimmern. Dort war auch die Toilette im ersten Stock, die aber, bei aller Gediegenheit der Einrichtung ein Plumpsklo enthielt. Wohin der Weg der dort abgegebenen Dinge führte, habe ich nie erfahren. Die Hof- und Angerseite des „Neuen“ Hauses, sind noch in dem Zustand geblieben, den ich im Kopf habe. Der ungefähre Umfang des Hofareals ist noch zu erahnen: Es gibt eine ebene Fläche, die etwa seiner Größe entsprechen könnte.

Onkel Karl war natürlich DIE Respektsperson, vor der wir Kinder alle etwas Angst hatten. Er hatte eine gewisse derbe Art von Humor, die sich z.B.  darin zeigte, dass er beim Zuckerrü­benkochen den Arm meiner kleinen Schwester nahm, ihn in den fertigen, ziemlich dünnflüs­sigen Zuckerrübensirup tauchte, und seine Freude an der sich daraus entwickelnden klebrigen Schweinerei, und der Verzweiflung meiner Mutter darüber hatte. Wir liebten Onkel Karl aber, wenn er die Pferde an die Kutsche anspannte und mit uns über die Felder, oder sogar nach Weißenfels fuhr und uns vom Bahnhof abholte. Auch während der Ernte gingen wir mit aufs Feld und durften uns oben auf das Heu oder Getreide setzen und mit dem Wagen nach Hause fahren. Wenn wir einmal nach Weißenfels mussten, gingen wir meist zu Fuß, die sechs Km zu laufen waren für uns Kinder keine vergnügungssteuerpflichtige Angelegenheit. Erst bergauf über die Autobahn, auf der damals praktisch keine Autos fuhren, dann bergab nach Selau, das damals noch eigene Ortsschilder hatte. In Weißenfels ging es dann irgendwie bergab zur Saale und zum Bahnhof. Wenn wir nicht zu Fuß gingen, benutzen wir den Autobus, der an der Friedenseiche hielt. Zwischen Selau und Weißenfels lagen auf beiden Seiten der Straße lange Reihen von Kasernen, in denen erst deutsche, später amerikanische und noch später russische Soldaten lebten. Sie waren, glaube ich mit verschiedenen Truppenteilen belegt, denn auf der einen Seite waren sie weiß, auf der anderen Seite gelb gestrichen. Direkt nach Kriegsende wurden die Kasernen von der Bevölkerung geplündert. Meine Mutter kam mit einigen Nazifahnen, aus denen in aller Eile das Hakenkreuz herausgeschnitten wurde, dann mit blau-weiß kariertem Bettzeug, das uns noch jahrelang u.a. als Hemdenstoff gedient hat, und schließlich mit zwei Musikinstrumenten, einem Waldhorn und einer Posaune, wieder nach Zorbau, vielleicht waren auch noch Lebensmittel dabei. Onkel Karl bestand zu ihrem größten Leidwesen darauf, dass sie die Instrumente wieder zurückbrachte! 

Wenn man aus dem Tor trat, kam man auf den Anger, den ich – völlig anders, als er sich heute darbietet - als große freie Fläche vor Augen habe. Quer über den Anger verlief ein Graben, den ich in schlechter Erinnerung habe. Mein um zwei Jahre jüngerer Bruder traute sich eher als ich, über diesen Graben zu springen, was mir Hohn und Spott einbrachte. Der Graben führte zum Teich vor dem Pfarrhaus, wo es auch eine Brücke über diesen Bach gab, der das peinliche Überspringen eigentlich überflüssig machte.. Der Anger hatte wohl gewisse soziale Funktionen. Ich glaube nicht, dass sich heute noch an Sommer­abenden die Mädchen aus dem Dorf dort versammeln und gemeinsam mehrstimmige Lieder singen. Ich fand das immer sehr schön.

Die Kirche habe ich noch gut in Erinnerung. Meine Mutter, die Klavier spielen konnte und sogar in Halle Orgelstunden gehabt hatte, hatte sich erboten, Sonntags im Gottesdienst zu spielen. Ich weiß nicht, ob es je eine Planstelle für einen Kantor gegeben hat, auf jeden Fall wäre er in den Kriegszeiten zum Militär eingezogen worden. Ich war fasziniert vom Treppen­haus im Turm, und versuchte dort so viel wie möglich herumzukriechen, während meine Mutter die Choräle für den nächsten Sonntag übte. Mir war allerdings wirklich nicht bewusst, um was für ein Schmuckstück es sich bei dieser ein Jahrtausend alten Wehrkirche handelt. Meine Mutter hatte dann auch angefangen, die alten Gräber von Mitgliedern ihrer Familie in Ordnung zusetzen und zu halten. Seither mag ich Löwenmäulchen und Karthäusernelken, die sie als Grabschmuck verwendete.

Anfangs ging ich in den Kindergarten. Ich musste rechts am Pfarrhaus vorbeigehen. Man stieß dann auf einen Hof, kann es sein, dass er der Familie Krug gehörte? dort musste ich links abbiegen, es ging ein bisschen bergab und durch Gärten bis hin zum Kindergarten. Mir gefiel der Betrieb dort nicht. Man konnte nicht einfach so vor sich hinspielen, alles wurde in der Gruppe gemacht, und immer kam jemand, der den Turm aus Bauklötzchen umschmiss.

Im August 1944 wurde ich eingeschult. An die Schultüte erinnere ich mich nicht mehr. Aber an einige Details des Schulalltags sehr wohl! Wir hatten keine Schreibhefte sondern eine Schiefertafel. Die hatte den großen Vorteil, dass sie wiederbeschreibbar war. Der Nachteil, dass man das mühsam Geschriebene sehr schnell auslöschen konnte, kam bei verschiedenen Gelegenheiten zum Tragen. Z.B. konnte die Mutter, wenn sie fand, die Schrift sei nicht ordentlich genug, die Tafel säubern, und den wütenden Sohn wieder an den Tisch des Hauses zum Neuschreiben schicken, der dann durch das Fenster auf den Anger blickte und sah, wie die anderen Kinder spielten. Mir hat auch einmal mein Banknachbar aus Übermut die Tafel gewischt, auf die Hausarbeiten standen. Die Schläge mit einem dünnen Holzstock, die ich dann wegen nichtangefertigter Hausarbeit bekam, war mehr oder weniger die einzige Haue, die ich während meiner Schulzeit bekommen habe und brennt deshalb immer noch im Gedächtnis. 

In den Schulzimmern waren zwei Klassen untergebracht. Unten die beiden ersten, oben die dritte und vierte. Ob es höhere Klassen in der Schule gab, weiß ich nicht. Es gab einen ganz alten Lehrer, der vermutlich aus der Pensionierung wieder herausgeholt war und eine deutsch-russische Lehrerin, die herrlich das „r“ rollte, Fräulein Langner. Ich fand es immer hochinteressant, was in der anderen Klasse betrieben wurde, und überraschte meine Mutter gelegentlich mit Kenntnissen, die ich dort aufgeschnappt hatte. Mit dem Kriegsende war es dann mit geregeltem Schulbesuch vorbei. Meine Mutter hat mich allerdings jeden Tag zwei Stunden unterrichtet – eine Stunde Deutsch und eine Stunde Rechnen. Dieser halbjährige Privatunterricht hat dazu geführt, dass ich zurück in Halle eine Klasse überspringen konnte. Den Unterricht meiner Mutter habe ich damals allerdings als grobe Ungerechtigkeit empfunden. Alle Kinder durften draußen spielen – es war der Sommer 1945, während ich drin auch noch Hausaufgaben machen musste. 

An das, was wir so üblicherweise den ganzen Tag über gemacht haben, erinnere ich mich nur ungenau. Mein Bruder und ich mussten alle paar Wochen mit einem Bollerwagen nach Borau fahren und dort Brote holen. Das waren noch Brote! Mindestens so groß wie die Räder des Handwagens, in dem wir sie nach Hause zu bringen hatten. Im Herbst und Winter fanden wir das gar nicht schön. Ich glaube auch nicht, dass heutzutage jemand einen vier- und einen sechsjährigen Jungen diese Arbeit machen lassen würde. Aber wir haben das überlebt, und fanden es jedes Mal in Borau spannend in die leeren Mieten entlang der Straße hineinzurufen und das Echo darauf zurückschallen zu hören! 

Gelegentlich fuhren wir nach Granschütz zum Baden an den Tagebau-See. Es war für meine Mutter jedes Mal ein Unternehmen mit drei kleinen Kindern zu Fuß dorthin zu kommen, ich weiß nicht mehr ob zu Fuß oder mit Bus – wenn es den gab.

Ich habe noch deutlich den Einmarsch der Amerikaner in Erinnerung. Der örtliche Militär­kommandant hatte noch angeordnet, dass eine Panzersperre an der Weißenfelder Straße errichtet werden sollte. Man fällte dazu gegen den Protest aller vernünftig Denkenden die schönen alten Bäume auf dem Friedhof. Es wurde dann erzählt, dass die Amerikaner sich diese „Sperre“ angesehen hätten, gefragt hätten, was das Ding bedeuten solle und umgehend den Abbau befohlen hätten. 

Ich erinnere mich auch an die Tatsache, dass meine Mutter voll Empörung darüber berichtete, dass die Nazis im Ort am Tag vor der Kapitulation noch von den Wunderwaffen schwafelten, die der Führer für den Endsieg einsetzen würde, und dann am nächsten Tag sehr beflissen den neuen Herren zu Dienste waren. Die Mädchen im Dorf versuchten, so  schnell es ging ein paar Brocken Englisch aufzuschnappen. Ich erinnere mich auch an den Ausruf eines gleichaltrigen Jungen: „Gugge Baul, a Näächer!!“, als er den ersten farbigen US-Soldaten sah. Ansonsten kamen durch die GIs ungeahnte Wunder in unsere dörflich Welt: Kaugummi, Schokolade, richtige, gutriechende Seife. (Es sei daran erinnert, es gab in Deutschland zwei Arten von Seife: Schwimmseife, die leichter war als Wasser und deshalb oben schwamm, und Kernseife. Schwimmseife wurde nach kurzem Gebrauch zu Matsch, Kernseife versank wie ein Stein im Wasser und glich eher Lehm als Seife.) Die jungen amerikanischen Soldaten, die zu Hause zum Teil selbst kleine Kinder hatten, verliebten sich augenblicklich in meine kleine Schwester, die von allen diesen guten Dingen mehr bekam, als sie verkraften konnte. Zum Glück bekamen wir von dem Überfluss etwas mit. Ich erinnere mich daran, wie eines abends ein GI mit einem Stahlhelm voller Eier bei uns erschien, und diese gebraten haben wollte. Ich erinnere mich an die morgendliche Wäsche der Soldaten, die an der Pumpe Schlange standen: einer legte sich darunter, ein anderer pumpte das eisige Wasser darauf. Der Anger wurde zu einem Baseball-Feld umfunktioniert. Wir konnten allerdings mit den steinharten Basebällen nicht viel anfangen. Kurz, alle waren froh, dass der Krieg zu Ende war, und dass er auf diese Weise zu Ende gegangen war. 

Diese Stimmung änderte sich – auch für uns kleine Jungen spürbar – als sich die Amerikaner zurückzogen um den Russen Platz zu machen. Statt der eindrucksvollen amerikanischen Panzer zogen lange, lange Reihen von Panje-Wagen in Zorbau ein. Mein Vater, der im Juni 1945 aus englischer Kriegsgefangenschaft zurückgekommen war, konnte Russisch, er hatte Slawistik studiert, weil ihm im Dritten Reich die Germanistik zu „braun“ geworden war. Er verschwand ab und zu für Tage, weil er zum Übersetzen gebraucht wurde, ohne dass meine Mutter wusste, ob und wann er zurückkommen würde.

Das sind die letzten Eindrücke, die ich von Zorbau habe. Wir sind im Herbst 1945 nach Halle zurückgezogen, haben allerdings gelegentlich Tante Lucie und Onkel Karl besucht. Wir konnten dann immer eine große Tasche voller Lebensmittel mit nach Hause nehmen.

Onkel Karl widersetzte sich der Zwangskollektivierung, er wollte eigenständiger Bauer bleiben. Das hatte zur Folge, dass ihm, wie allen Gleichgesinnten, ein überhöhtes Plansoll auferlegt wurde, das er nur durch (überteuerten) Zukauf der entsprechenden Produkte erfüllen konnte. Das hat ihn auf die Dauer in den Ruin getrieben und er ist darüber gestorben. Das war, glaube ich, in den 50-er Jahren. Tante Lucie ist daraufhin mit ihrer Tochter Ursel und ihrem Enkel Horst Hessein den Westen zu ihrer Schwester nach Frankfurt gezogen, die dort als erste Frau in Deutschland Chefärztin eines großen Krankenhauses geworden war. Ich glaube nicht, dass sie sich dort sehr wohl gefühlt hat. Ich bin danach nie wieder in Zorbau gewesen. Umso mehr hat mich am Erntedanktag 2012 das Wiedersehen gefreut, bei dem ich Zorbau und die Zorbauer als eine lebendige Gemeinde wiedergetroffen habe.

Norderstedt, 10.10.2012

Ludwig Gerhardt