Zorbau - Erinnerungen einer Kölnerin an Zorbau - in den Jahren 1944 - 1945

A. W.   
51427 Bergisch Gladbach


Liebe Frau K.!

Es ist mir ein Anliegen, heute, an meinem 92. Geburtstag, meine Erinnerungen an die letzten beiden Jahre des Zweiten Weltkrieges zu Papier zu bringen. Es ist die Zeit, die ich in Zorbau, Kreis Weißenfels, verbracht habe. Auf diese Weise möchte ich all den Menschen danken, die mir damals dort beigestanden und geholfen haben.

Refrath, am 10.02.2010


Erinnerungen einer Kölnerin an Zorbau - in den Jahren 1944 - 1945


Vorwort

Am 15. Februar 2010 wird es 65 Jahre her sein, dass wir — A. und A. W. aus Köln - in Weißenfels geheiratet haben. Je näher dieser Tag rückt, desto mehr Erinnerungen an damals kommen mir in den Sinn. Damit sie nicht verloren gehen, habe ich sie aufgeschrieben. Denn es ist ja auch ein Stück Geschichte des Ortes und der Menschen in Zorbau.
Zunächst aber will ich berichten, wie es uns heute geht. Seit einigen Jahren leben wir, mein Mann A. und ich, in einem sehr guten Heim in Refrath bei Köln. Wir haben dort eine schöne kleine Wohnung. Wir fühlen uns hier sehr wohl. Unsere Tochter U. und unser Sohn D. wohnen in der Nähe, besuchen uns sehr oft und sorgen auf verschiedendste Weise für uns. Auch die fünf Enkel bereiten uns viel Freude. Trotz einiger altersbedingter gesundheitlicher Probleme sind wir froh, zusammen zu sein und in wenigen Tagen eiserne Hochzeit feiern zu können.

Von Köln nach Zorbau

Es waren die furchtbaren Bombenangriffe auf Köln, die mich — A. W., geborene W. — Ende des Jahres 1944 nach Zorbau führten. In Köln war die Evakuierung von Frauen und Kindern, mit der ich als Kindergärtnerin betraut gewesen war, abgeschlossen. Man dachte, sie seien in Mitteldeutschland und Schlesien sicherer. Nun bekam ich den Auftrag, in Zorbau bei Weißenfels einen so genannten Erntekindergarten - der sonst nur in der Zeit der Ernte in Betrieb war - zu einer Tagesstätte auszubauen, damit die Mütter bei den Bauern arbeiten konnten. Untergebracht war ich bei Familie N. auf der Hauptstraße, wo ich ein möbliertes Zimmer bekam.    

Die Einrichtung des Kindergartens ging zügig voran, so dass wir schon bald den Kindergartenbetrieb aufnehmen konnten. Die Arbeit mit den Kindern machte meinen Helferinnen und mir große Freude. Meine Gedanken gingen aber oft in die Ferne zu meinem A., der als Soldat in Lappland stationiert war. Am Jahreswechsel 1942/43 hatten A. W. und ich uns
verlobt. Das war in seinem letzten Urlaub gewesen. In seinem nächsten Urlaub wollten wir heiraten. Aber wann würde er Urlaub bekommen? Und würde er erfahren, wo ich jetzt bin? In meinem letzten Brief hatte ich ihm geschrieben: „Ich muss mich in Weißenfels auf dem Rathaus melden!“ So würde er mich erst hier ausfindig machen müssen, falls er Urlaub bekäme. Aber seine Urlaubsgesuche waren bisher ein ums andere Mal abgelehnt worden. Neue Nachrichten von ihm hatte ich nicht. So war meine Unruhe groß. E i n e Gewissheit aber hatte ich: Das Brautkleid lag bereit. Ich hatte es nach Zorbau mitgenommen.

Die Hochzeit in Weißenfels

Es war am Morgen des 13. Februar 1944. Ich schaute zufällig vom Kindergarten auf die Hauptstraße und traute meinen Augen nicht! Da kam ein Soldat schwer bepackt mit langsamen Schritten näher. Kein Zweifel: Es war mein A.! So schnell ich konnte, lief ich ihm entgegen. Da standen wir uns nun gegenüber mitten auf der Straße. Wir waren verwirrt, fanden vor Uberraschung kaum Worte, bis ich ihn fragte: „Und wann heiraten wir? Morgen oder übermorgen?“ Er entschied sich für übermorgen. Und das war auch gut so. Denn wir ahnten noch nicht, welche Schwierigkeiten nun auf uns zukamen.
   
Aber zunächst war da die Fürsorge von Frau N., die A. ein Bad richtete. Dann wurde seine Kleidung gewaschen und Zerrissenes geflickt, ehe wir zum Standesamt nach Weißenfels aufbrachen, um die Heirat anzumelden. Dort gab es eine unvorhergesehene, unangenehme Überraschung. Die mitgebrachten Bescheinigungen waren dem Standesbeamten nicht genug. Heiraten konnten wir nur, wenn wir am nächsten Tag eidesstattliche Erklärungen beim Notar abgeben würden. Das erledigten wir am nächsten Tag, dem 14. Februar 1944.
Anschließend meldeten wir beim Pfarrer die kirchliche Trauung an, dem wir versichern mussten, dass auch unsere Eltern mit der Heirat einverstanden seien und zur Trauung kämen, wenn sie könnten. Das aber war wegen der Kriegsereignisse völlig ausgeschlossen. Nicht einmal eine Nachricht nach Köln war möglich. Das machte uns traurig. Tröstlich aber war, dass alle Menschen, mit denen wir in Zorbau zusammentrafen, von einer rührenden Hilfsbereitschaft und Fürsorge waren. Ich war doch erst seit wenigen Wochen im Ort und doch nahmen sie in wohltuender Weise Anteil an unserem Ergehen. So ließ es sich Bauer O. nicht nehmen, uns am Morgen des 15. Februar mit der Kutsche abzuholen und nach Weißenfels zum Standesamt und zur Marienkirche zu fahren. Kinder aus dem Kindergarten trugen beim Einzug in die Kirche meine weiße Schleppe.
Nach der Trauung brachte uns die Kutsche zurück nach Zorbau, wo uns der Kindergarten - d.h. halb Zorbau - alles für unsere Hochzeitsfeier vorbereitet hatte. Die Kinder begrüßten uns, indem sie im Sprechchor riefen: „So viele Kinder hier zum Feste, wünschen wir im eigenen Neste!“ Drinnen war die Tafel gedeckt für ein in der damaligen Zeit fürstliches Mahl. Und als Hochzeitsgaben brachte man uns alles, was an Eingekochtem aufzutreiben war.

Der Abschied

Die vier Tage, die noch von A. Heimaturlaub übrig waren, vergingen wie im Flug. Wir waren übermütig, sangen, verbrachten aber auch viele Stunden im Gespräch und in Gedanken an die Zukunft. Wir wünschten uns ein Kind und überlegten Namen. Die politische Lage aber überschattete alle Uberlegungen. Wie würde es weitergehen? Die Nachricht vom verheerenden Bombenangriff auf Dresden hatte uns in den Tagen der Hochzeitsvorbereitung erreicht. Die Fronten verschoben sich täglich ins Reich hinein. Alles war ungewiss, mehr als jemals zuvor. Der abermalige Abschied lastete drohend über uns. Und er kam unausweichlich. War ich jemals so traurig gewesen wie bei diesem Abschied auf dem Bahnsteig? Er aber tröstete mich: „Nicht weinen, Liebes! Vielleicht bist du ja nicht mehr lange allein!“ Es sollte lange dauern, bis wir uns nach dem Krieg im November 1945 in Köln wieder sahen. Nicht so lange dauerte es, bis ich merkte, dass er mit seinen Trostworten eine richtige Vorahnung gehabt hatte: Ich war schwanger.

Kriegsende und Besatzungszeit in Zorbau

Weißenfels wie auch Zorbau waren von den Amerikanern kampflos besetzt worden. Kurze Zeit später kam mein Bruder K. nach Zorbau. Er war der russischen Gefangenschaft entgangen und hatte von den Amerikanern den Entlassungsschein bekommen, weil er in der Landwirtschaft arbeiten wollte. So kam er auf den Hof von Bauer O.. Auch meine Mutter war gekommen und wir wohnten im Kindergarten. Es war ein friedliches Leben, solange die Amerikaner in der nahen Kaserne lagen. Dann jedoch gab es den Wechsel der Besatzung.

Am 5. Juli 1945 rückten die Russen ein. Nach wenigen Tagen kamen russische Soldaten auf der Suche nach Frauen auf den Kindergarten zu. Wir konnten noch eben alle Türen verschließen und an der Rückseite des Hauses um Hilfe rufen. Auf dem Feld arbeiteten einige Männer, die durch unser Schreien aufmerksam wurden und mit ihren Harken angerannt kamen. Die Russen waren offenbar unbewaffnet und zogen ab. Am selben Abend noch kam der Bauer O. zu uns und bot uns Zimmer in seinem Haus an: Wir könnten nicht länger draußen vor dem Dorf bleiben. Das Angebot nahmen wir dankbar an. Aber selbst auf dem Hof blieben wir nicht unbehelligt. Immer wieder tauchten Russen auf und nahmen
mit, was ihnen in Scheune, Haus und Hof begehrenswert erschien. Wir Frauen versteckten uns dann jedes Mal im oberen Stockwerk, bis die Soldaten abgezogen waren. Anders verlief aber deren Besuch am 25. September 1945. Diesmal fragten die Soldaten nach Frauen und durchsuchten das Haus systematisch Zimmer für Zimmer. Wir waren auf den Dachboden geflüchtet und hatten uns in den dunkelsten Ecken versteckt, ich hinter einem Vorhang. Als die Soldaten den Dachboden betraten, hatte ich unendliche Angst. Meine Knie zitterten. Ich dachte, sie würden mich gleich entdecken. Doch die Soldaten verließen den Raum, ohne hinter den Vorhang zu sehen. Durch die Angst und die Aufregung setzten bald Wehen ein. Mein Bruder Karl holte die Hebamme mit der
Kutsche aus Granschütz.

Das Kind kam. Es war ein Junge, zwei Monate zu früh geboren. Er war sehr schwach. Er hätte einen Brutkasten gebraucht. Aber den gab es nicht. Doch die Hebamme wusste Rat. Steinhägerflaschen wurdern mit heißem Wasser gefüllt. Familie O. polsterte einen Wäschekorb mit Decken aus, der auf diese Weise als Brutkasten hergerichtet wurde. Die beiden Töchter der Familie O. V. und M. — zogen ihren Puppen die Kleider aus, schenkten sie dem Siebenmonatskind, dem alle gewöhnlichen Säuglingskleider zu groß waren. Den
Namen musste ich jetzt allein aussuchen. Ich entschied mich für den Namen D., über den A. und ich gesprochen hatten, in Verbindung mit dem Vornamen seines Vaters. Meine größte Sorge war, dass D. beim Trinken immer wieder vor Erschöpfung einschlief. Milch hatte ich genug, sogar noch für ein zweites Kind im Dorf, C.. Als C. Mutter die Nachricht vom Tod ihres Mannes bekam, versiegte ihr Milchstrom. So pumpte ich Milch ab, die von V. und M. dann zu C. gebracht wurde. So vergingen mehrere Wochen.

Die Rückreise nach Köln

Ich wollte sobald wie möglich zurück nach Köln, trotz aller Fürsorge und Hilfe, die ich in Zorbau erfuhr. Aber die Angst nach der Erfahrung auf dem Dachboden ließ
mich keinen Augenblick zögern, die Heimreise zu wagen, als die Hebamme nach fünf Wochen eine bedingte Erlaubnis zur Reise gab. D. hatte das normale Geburtsgewicht eines Säuglings erreicht. Zunächst war zu packen: alles, was für das Kind erforderlich war; dann das, was man an Kleidung im kommenden Winter brauchte. Mehr als das, was in den Kinderwagen und den kleinen Koffer passte, durfte es nicht sein. Den Kinderwagen schenkten mir O.. Meine Mutter begleitete uns. Die Reise dauerte vier oder fünf Tage. Es gab keinen durchgehenden Zug und nur Güterwagen, die total überfüllt waren. An jeder Station standen Tausende, die den Zug stürmten und hineindrängten ohne Rücksicht zu nehmen. Wie oft wir umsteigen mussten, weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur noch, wie unendlich schwierig es war, mit dem Kinderwagen in die überfüllten Züge zu kommen. Aber manches Mal fand ich aber auch Hilfe: Bahnbeamte ließen mich an der dem Bahnsteig abgewandten Seite in den Zug einsteigen, füllten die Wärmflaschen mit heißem Wasser für den Säugling und anderes mehr. Endlich war Helmstedt erreicht. Im Lager Friedland gab es Essen. Wir wurden mit DDT-Puder entlaust, wurden registriert und bekamen die
wichtigen Papiere: die Berechtigung für einen Bezugsschein in Köln und den Nachweis über eine Wohnung dort. Die hatte A's. Vater für uns besorgt. Er wusste, dass wir so bald wie möglich nach Köln zurück wollten. Denn er hatte uns nach mehreren fehlgeschlagenen Versuchen in Zorbau besucht, als ich im Wochenbett lag.
Die Weiterreise — jetzt in der britischen Zone — gestaltete sich kaum anders als an den vorangegangenen Tagen. Aber schließlich erreichten wir Köln. Nach einem mir unendlich lang erscheinenden Weg auf kaum geräumten Straßen durch das zerbombte Köln, kamen wir völlig entkräftet endlich zu Hause an. Unser Haus war glücklicherweise bis auf eine Brandbombe, die den Dachstuhl beschädigt hatte, unversehrt geblieben.
Ich möchte meinen Bericht über die Zeit in Zorbau nicht schließen, ohne Dank zu sagen. Bis heute denke ich oft an die Zeit dort zurück. Ich tue es mit viel Dankbarkeit für all die Hilfe, die mir und meiner Familie durch Familie O. und andere liebe Menschen in Zorbau zuteil geworden ist.

Bergisch-Gladbach - Refrath, den 10. Februar 2010, dem Tag meines 92. Geburtstages
A. W.